Schwellenangst

Schwellenangst

Es gibt Wörter, die zunächst klein wirken und erst beim zweiten Blick zeigen, dass in ihnen eine ganze Gegenwart steckt. „Schwellenangst“ ist so ein Wort.

Gemeint war damit ursprünglich etwas ziemlich Konkretes: die Hemmung, einen Laden, eine Buchhandlung, ein Museum oder eine andere Institution zu betreten. Man steht davor, könnte hineingehen, aber irgendetwas hält einen zurück. Vielleicht kennt man die Regeln nicht. Vielleicht weiß man nicht, ob man dort willkommen ist. Vielleicht fürchtet man, sich falsch zu verhalten oder nicht dazuzugehören.

Die Tür ist offen. Trotzdem bleibt man draußen.

Der Begriff ist im Deutschen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebräuchlich. Er geht auf das niederländische „drempelvrees“ zurück, wörtlich ebenfalls die Furcht vor der Schwelle. Besonders in der Nachkriegszeit wurde Schwellenangst zu einem Begriff für soziale und kulturelle Zugangshürden. Buchhandlungen, Museen, Theater und andere Einrichtungen konnten öffentlich zugänglich sein und trotzdem Menschen das Gefühl geben, dass sie nicht für sie gedacht waren.

Das Interessante daran ist die Struktur des Problems.

Es gibt kein Verbot.
Es gibt keine verschlossene Tür.
Es gibt nur eine Schwelle.

Und trotzdem kann sie hoch sein.

Von der Tür zum Übergang

Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung des Wortes erweitert. Aus der konkreten Schwelle wurde eine soziale, kulturelle und schließlich eine metaphorische.

Man kann Schwellenangst vor einem neuen Arbeitsplatz haben, vor einer Entscheidung, vor einem fremden sozialen Umfeld, vor einem Lebensabschnitt. Die Schwelle trennt dann nicht mehr einfach draußen und drinnen, sondern das Vertraute vom Unbekannten.

Das Bekannte liegt hinter uns.
Das Kommende ist noch nicht vertraut.

Genau darin liegt eine besondere Form von Unsicherheit.

Angst entsteht häufig dort, wo eine Gefahr erkennbar ist. Schwellenangst ist komplizierter. Hinter der Schwelle muss überhaupt nichts Schlimmes liegen. Das Problem besteht gerade darin, dass wir noch nicht wissen, was dort liegt – und welche Regeln gelten werden, wenn wir sie überschreiten.

Schwellenangst ist deshalb auch nicht einfach Veränderungsangst.

Veränderung kann innerhalb einer grundsätzlich stabilen Ordnung stattfinden. Eine neue Wohnung. Ein neuer Job. Eine neue Regierung. Ein neues technisches Gerät. Vieles verändert sich, während die grundlegenden Koordinaten vertraut bleiben.

Eine Schwelle ist etwas anderes.

Sie markiert den Punkt, an dem nicht nur einzelne Dinge anders werden, sondern die bisherigen Selbstverständlichkeiten ihre Verlässlichkeit verlieren.

Vielleicht ist unsere Gegenwart genau so ein Schwellenraum

Wir erleben gegenwärtig mehrere Entwicklungen gleichzeitig, deren Folgen weit über einzelne Veränderungen hinausreichen.

Das fossile Industriezeitalter erreicht ökologische Grenzen. Die planetaren Bedingungen, unter denen Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren, werden sichtbar. Künstliche Intelligenz verändert den Umgang mit Wissen, Arbeit und Entscheidung. Globale Machtverhältnisse verschieben sich. Institutionen, die für eine andere historische Situation geschaffen wurden, sollen Probleme bearbeiten, deren Geschwindigkeit, Reichweite und Vernetzung sie oft überfordern.

Gleichzeitig ist in den vergangenen Jahrzehnten die verfügbare Menge an Wissen enorm gestiegen.

Seit den 1970er Jahren haben Wissenschaft, Digitalisierung und globale Kommunikation unseren Zugang zu Wissen vervielfacht. Seit dem Aufstieg des Internets und noch einmal durch künstliche Intelligenz hat sich diese Entwicklung dramatisch beschleunigt.

Unsere kulturellen Fähigkeiten, mit diesem Wissen umzugehen, sind allerdings nicht im gleichen Tempo gewachsen.

Wir können immer mehr wissen. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass wir besser verstehen, besser urteilen oder besser entscheiden.

Vielleicht ist auch das eine Schwelle.

Eine Gesellschaft, deren Informations- und Wissensproduktion schneller wächst als ihre kulturellen Formen der Orientierung.

Die eigentliche Schwierigkeit: Das Alte ist noch da

Epochenwechsel sehen rückblickend oft übersichtlicher aus, als sie erlebt wurden.

Später ziehen Historiker Linien. Vorher und nachher. Industrialisierung. Moderne. Informationsgesellschaft. Fossiles Zeitalter. Digitales Zeitalter.

Für diejenigen, die mitten darin leben, gibt es diese klare Trennung nicht.

Alte und neue Ordnungen existieren gleichzeitig.

Wir fahren Elektroautos auf Straßen, deren räumliche Ordnung für die fossile Automobilgesellschaft entstanden ist. Wir diskutieren künstliche Intelligenz in Bildungssystemen, deren Grundformen aus dem Industriezeitalter stammen. Wir versuchen planetare Probleme mit Nationalstaaten zu bearbeiten, deren politische Institutionen überwiegend für territorial begrenzte Aufgaben geschaffen wurden.

Das Alte verschwindet nicht einfach.

Es bleibt materiell, institutionell und kulturell vorhanden.

Und genau deshalb kann eine gesellschaftliche Schwelle sehr lange dauern.

Die Versuchung der Rückkehr

Schwellenangst hat eine naheliegende Reaktion: zurückgehen.

Wenn das Neue unübersichtlich ist, erscheint das Bekannte plötzlich sicherer, als es tatsächlich war.

Politisch kann daraus eine starke Sehnsucht nach Wiederherstellung entstehen.

Zurück zu stabilen Grenzen.
Zurück zur vertrauten Industrie.
Zurück zu alten Geschlechterrollen.
Zurück zu vermeintlich eindeutigen gesellschaftlichen Ordnungen.
Zurück zu einer Zeit, in der die Welt angeblich übersichtlicher war.

Das Versprechen lautet dann: Wir müssen die Schwelle gar nicht überschreiten. Wir können zurück.

Aber genau das dürfte bei vielen gegenwärtigen Veränderungen eine Illusion sein.

Die planetaren Grenzen verschwinden nicht, wenn wir sie politisch ignorieren. Digitalisierung lässt sich nicht zurückdrehen. Globale Verflechtungen verschwinden nicht durch die Behauptung nationaler Autonomie. Künstliche Intelligenz wird nicht deshalb bedeutungslos, weil wir ihre gesellschaftlichen Folgen noch nicht verstanden haben.

Wir können über die Richtung streiten.

Wir können Übergänge verlangsamen, beschleunigen oder anders gestalten.

Aber wir können nicht ohne Weiteres in die Welt zurückkehren, aus der die Probleme entstanden sind.

Auch Fortschrittsoptimismus kann Schwellenangst sein

Allerdings wäre es zu einfach, Schwellenangst nur bei denen zu suchen, die zurückwollen.

Es gibt auch die entgegengesetzte Reaktion: möglichst schnell nach vorne.

Technologie wird dann zur Hoffnung, den eigentlichen Übergang vermeiden zu können.

Mehr Innovation. Mehr Effizienz. Mehr Daten. Mehr Automatisierung. Mehr Wachstum.

Auch darin kann der Wunsch stecken, die vertrauten Strukturen nicht wirklich verändern zu müssen.

Wenn Technologie lediglich dafür eingesetzt wird, die bestehende Ordnung leistungsfähiger zu machen, kann scheinbarer Fortschritt eine Form der Vermeidung sein.

Die Frage lautet deshalb nicht nur:

Sind wir bereit für Neues?

Sondern:

Sind wir bereit, die Konsequenzen des Neuen für unsere bisherigen Gewohnheiten, Institutionen und Vorstellungen ernst zu nehmen?

Schwellenangst ist nicht irrational

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, gesellschaftliche Angst vor Übergängen vorschnell als Rückständigkeit abzutun.

Es gibt gute Gründe, Angst zu haben.

Eine postfossile Gesellschaft wird anders funktionieren als eine fossile. Eine Welt mit sehr leistungsfähiger künstlicher Intelligenz wird Arbeit, Wissen und Bildung verändern. Gesellschaften mit alternder Bevölkerung werden andere Institutionen brauchen. Eine multipolare Welt wird andere Formen internationaler Kooperation verlangen.

Niemand kann heute genau sagen, wie diese Ordnungen aussehen werden.

Schwellenangst ist deshalb zunächst eine verständliche Reaktion auf reale Unsicherheit.

Problematisch wird sie erst, wenn aus ihr die Forderung entsteht, die Schwelle dürfe nicht existieren.

Von der Schwellenangst zum Schwellenmut

Vielleicht braucht eine Gesellschaft in solchen Zeiten deshalb nicht zuerst mehr Optimismus.

Optimismus behauptet, dass es gut ausgehen wird.

Das können wir nicht wissen.

Was wir brauchen, könnte etwas anderes sein: Schwellenmut.

Schwellenmut bedeutet nicht, ohne Angst zu sein.

Er bedeutet auch nicht, jedes Neue zu begrüßen.

Und schon gar nicht bedeutet er, sich einer vermeintlich unvermeidbaren Zukunft zu unterwerfen.

Schwellenmut wäre vielmehr die Fähigkeit, in einem Übergang handlungsfähig zu bleiben, obwohl das Ergebnis noch nicht feststeht.

Das Alte kritisch zu betrachten, ohne alles zu verwerfen.

Das Neue zu erkunden, ohne es automatisch für besser zu halten.

Unsicherheit auszuhalten, ohne in Fatalismus zu verfallen.

Und vor allem: die Ordnung hinter der Schwelle nicht als etwas zu betrachten, das einfach kommt, sondern als etwas, an dessen Gestaltung wir beteiligt sind.

Vielleicht liegt darin der entscheidende Unterschied.

Schwellenangst fragt:

Was verliere ich, wenn ich die Schwelle überschreite?

Schwellenmut fragt:

Was müssen wir lernen, bewahren, verändern und neu schaffen, damit das Leben hinter der Schwelle möglich wird?

Wir leben möglicherweise in einer Zeit, in der diese zweite Frage wichtiger wird.

Nicht weil die Angst verschwunden wäre.

Sondern weil wir trotz ihr weitergehen müssen.

Comments are closed.